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Üben im Alltag · Lesezeit etwa 6 Minuten · von Günter Bonin

Zu Hause üben ohne Streit:
fünf Wege, die wirklich helfen

Ein Mädchen wollte partout keine Nachhilfe. Bockig, abweisend, den Tränen nah.

Vor vielen Jahren saß ich bei dieser Familie am Tisch. Im Gespräch kam heraus: Das Mädchen stand auf einer glatten Drei plus. Sie war gut. Aber ihre Eltern wollten mehr, und in ihren Augen war die Drei plus kein Erfolg, sondern ein Mangel. Das Kind hatte längst verstanden: So wie ich bin, reiche ich nicht.

Ich habe der Familie damals keine Nachhilfe verkauft. Ich habe etwas anderes gesagt: Sehen Sie erst einmal, was Ihre Tochter kann.

Ich erzähle dir das, weil beim Üben zu Hause genau da alles anfängt. Bevor es um Buchstaben geht, geht es um die Stimmung am Tisch. Ein Kind, das sich gesehen fühlt, lernt. Ein Kind unter Druck macht dicht.

Kurz gesagt

Üben ohne Streit gelingt, wenn die Beziehung vor dem Stoff kommt. Kurze, feste Einheiten von etwa zehn Minuten, spielerisch und mit mehreren Sinnen, Lob für die Mühe statt nur fürs Ergebnis, und im Zweifel lieber eine Einheit ausfallen lassen als einen Machtkampf. Ein gestresstes Gehirn lernt schlecht.

Wenn das Üben jeden Nachmittag zum Kampf wird, mit Tränen, Türenknallen und dem schalen Gefühl, alles falsch zu machen, dann läuft etwas schief. Aber nicht an dir und nicht an deinem Kind. Es liegt am Wie. Hier sind fünf Wege, die den Ton zu Hause verändern.

Vorweg das Wichtigste: Bei einer LRS bringt bloßes Mehr-Üben wenig, wenn es unter Druck passiert. Ein gestresstes Gehirn lernt schlecht. Deshalb geht es zuerst um die Atmosphäre und erst dann um den Stoff.

1Kurz und regelmäßig statt lang und selten

Zehn konzentrierte Minuten am Tag bringen mehr als eine zähe Stunde am Sonntag. Kurze Einheiten überfordern nicht, lassen sich leichter durchhalten und enden, bevor die Kraft ausgeht. Ein Wecker, der nach der Zeit klingelt, nimmt dabei den Druck aus dem "Wann sind wir endlich fertig".

10 Min · jeden Tag 1 Std · nur Sonntag
Kurz und regelmäßig schlägt lang und selten. Kleine tägliche Einheiten halten durch, bevor die Kraft ausgeht.

2Zuerst die Beziehung, dann das Üben

Dein Kind lernt am besten bei jemandem, dem es vertraut, nicht bei jemandem, vor dem es Angst hat. Wenn das Üben regelmäßig im Streit endet, ist die Beziehung wichtiger als jede Regel. Lieber eine Einheit ausfallen lassen als sie mit einem Machtkampf beenden.

3Mit allen Sinnen und spielerisch

Buchstaben in Sand malen, Wörter klatschen, Silben hüpfen, Laute heraushören: Was den Körper und mehrere Sinne einbezieht, bleibt besser hängen als stures Abschreiben. Aus Übung wird Spiel, und aus Spiel wird Lernen, ganz ohne den erhobenen Zeigefinger.

4Fehler sind Information, kein Versagen

Ein Fehler zeigt nur, wo dein Kind gerade steht, nicht, dass es zu dumm ist. Wenn du auf die Mühe schaust statt nur auf das Ergebnis ("Ich sehe, wie du dich anstrengst"), traut es sich, weiterzumachen. Genau dieses Zutrauen ist der Motor, den keine Übung ersetzt.

5Kleine Rituale und ein Anker für schwere Tage

Ein fester Platz, eine feste Zeit, ein kleines Ritual zum Anfangen und Aufhören: Das gibt Halt und spart jeden Tag die Diskussion aufs Neue. Und für die Momente, in denen doch mal alles zu viel wird, hilft ein Satz, der immer gilt und den ihr euch beide sagen könnt.

Aus meinem eigenen Leben

Bei uns hing lange ein Zettel am Kühlschrank: "Du bist nicht dumm. Dein Gehirn geht nur einen anderen Weg." An den schweren Tagen hat dieser eine Satz mehr geholfen als jede Übung.

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Häufige Fragen

Wie lange sollte mein Kind mit LRS am Tag üben?
Kurz und regelmäßig schlägt lang und selten. Oft reichen zehn bis fünfzehn Minuten am Stück. Lieber jeden Tag ein bisschen als einmal die Woche eine Stunde.
Mein Kind verweigert das Üben komplett, was tun?
Meist steckt Überforderung oder die Angst vor dem nächsten Misserfolg dahinter. Geh eine Stufe zurück, mach die Einheit kürzer und leichter und lobe die Mühe, nicht nur das Ergebnis.
Soll ich selbst üben oder eine Therapie suchen?
Beides hat seinen Platz. Zu Hause geht es vor allem um Beziehung, Ruhe und kleine Erfolge. Eine gezielte Förderung oder Lerntherapie kann zusätzlich sinnvoll sein, ersetzt die warme Atmosphäre daheim aber nicht.
Günter Bonin mit seinem Sohn

Günter Bonin ist Lehrer, LRS-Trainer und Vater. Er kennt die Lese-Rechtschreib-Schwäche aus dem Unterricht und vom eigenen Küchentisch. Sein Buch »Mama, ich bin DOCH schlau!« macht Eltern Mut.