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LRS verstehen · Lesezeit etwa 5 Minuten · von Günter Bonin

Ist mein Kind dumm? Warum eine LRS nichts mit Intelligenz zu tun hat

„Mama, bin ich dumm?"

Es gibt kaum eine Frage, die Eltern so trifft wie diese. Und oft steht dahinter noch eine zweite, leisere, die sich kaum jemand laut zu stellen traut: Ist mein Kind vielleicht wirklich nicht so klug? Ich beantworte sie gleich hier, damit du sie nicht bis zum Schluss mit dir herumträgst. Nein.

Ich habe in über zwanzig Jahren Kinder begleitet, die katastrophale Diktate schrieben und zugleich zu den wachsten Köpfen gehörten, die mir je begegnet sind. Der kluge Kopf war nie das Problem. Das Problem lag zwischen dem Kopf und dem Papier.

Kurz gesagt

Eine LRS hat mit Intelligenz nichts zu tun. Kinder mit LRS finden sich in jeder Begabungsstufe, von durchschnittlich bis hochbegabt. Betroffen ist nur ein eng umgrenztes Gebiet: das Erlernen von Lesen und Schreiben. Denken, Verstehen und Fantasie bleiben unberührt. Gerade kluge Kinder überspielen ihre Schwäche oft lange, deshalb fällt sie bei ihnen spät auf.

Warum dieser Irrtum so hartnäckig ist, warum es gerade helle Kinder trifft, ohne dass es auffällt, und was wirklich über die Zukunft deines Kindes entscheidet, darum geht es hier.

Warum LRS und Intelligenz nichts miteinander zu tun haben

Sprechen lernt ein Kind von allein, dafür ist unser Gehirn gebaut. Schrift dagegen ist eine Erfindung, ein paar tausend Jahre alt, viel zu jung, als dass unser Gehirn dafür eine fertige Abteilung hätte. Jedes Kind muss sich sein Lese- und Schreibnetzwerk mühsam selbst verdrahten, aus Hirnregionen, die eigentlich für anderes zuständig sind.

Bei den meisten Kindern gelingt das mit dem üblichen Unterricht. Bei manchen braucht es deutlich mehr Zeit, mehr Wiederholung und vor allem eine bessere Anleitung. Das ist eine Lese-Rechtschreib-Schwäche. Kein Defekt, kein Mangel an Verstand, sondern eine andere Startposition beim Erlernen einer Kulturtechnik. Kinder mit LRS gibt es in jeder Begabungsstufe, im selben Verhältnis wie alle anderen Kinder auch.

Kluger Kopf Baustelle Die Schrift
Der kluge Kopf ist da. Nur der Weg zur Schrift ist eine Baustelle, für die dein Kind nichts kann.

Warum es gerade helle Kinder trifft, ohne dass es auffällt

Gerade bei klugen Kindern wird eine LRS oft spät erkannt, und das hat einen einfachen Grund: Sie überspielen ihre Schwäche jahrelang mit Köpfchen. Sie lernen Texte auswendig, erraten Wörter aus dem Zusammenhang, mogeln sich durch. Nach außen wirkt lange alles in Ordnung, bis die Texte länger und die Anforderungen höher werden.

Wenn ein helles Kind auffällig schwach schreibt, ist das also kein Widerspruch, sondern ein typisches Muster. Der Satz „Der könnte doch, wenn er wollte" trifft es genau falsch herum. Dein Kind will und kann denken, nur der Weg über die Schrift ist versperrt. Woran du die echten Anzeichen einer LRS erkennst, liest du im eigenen Artikel.

Ein häufiger Trugschluss

„Die ist doch so klug, das kann keine LRS sein." Doch, kann es. Intelligenz schützt nicht vor einer LRS, sie verdeckt sie nur länger. Deshalb lohnt sich genaues Hinschauen gerade bei Kindern, die sonst pfiffig sind.

Was das für die Zukunft deines Kindes bedeutet

Ich will ehrlich sein: Eine Lese-Rechtschreib-Schwäche wächst sich nicht einfach aus, und sie wird dein Kind eine Weile begleiten. Aber sie ist kein Urteil über seine Zukunft. Menschen mit LRS machen Abitur, studieren, führen Unternehmen und schreiben sogar Bücher, mit Rechtschreibprüfung übrigens, so wie fast alle anderen Erwachsenen auch.

Was über die Zukunft deines Kindes entscheidet, ist nicht die Zahl seiner Rechtschreibfehler. Es sind zwei andere Dinge: ob es rechtzeitig die richtige Unterstützung bekommt und ob sein Selbstwert die Schulzeit übersteht. An beidem kannst du mehr ändern als jede andere Person auf der Welt.

Der wichtigste Satz

Nicht die Zahl der Rechtschreibfehler entscheidet über die Zukunft deines Kindes, sondern ob sein Selbstwert die Schulzeit übersteht.

Dein nächster Schritt

Sag deinem Kind heute einen einzigen Satz

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Häufige Fragen

Kann ein hochbegabtes Kind eine LRS haben?
Ja. Eine LRS kommt in jeder Begabungsstufe vor, von durchschnittlich bis hochbegabt. Intelligenz und LRS haben nichts miteinander zu tun.
Warum wird die LRS bei klugen Kindern oft spät erkannt?
Weil helle Kinder ihre Schwäche lange mit Köpfchen überspielen: Sie lernen Texte auswendig, raten aus dem Zusammenhang und mogeln sich durch, bis die Anforderungen steigen.
Bedeutet eine LRS, dass mein Kind später nicht studieren kann?
Nein. Menschen mit LRS machen Abitur, studieren und üben Berufe aller Art aus. Entscheidend sind die richtige Unterstützung und ein stabiler Selbstwert, nicht die Zahl der Fehler.
Sollte ich einen Intelligenztest machen lassen?
Für die Förderung ist er nicht nötig. Relevant wird er nur, wenn ein bestimmtes Verfahren, etwa eine formale Diagnose, ihn ausdrücklich verlangt.
Günter Bonin mit seinem Sohn

Günter Bonin ist Lehrer, LRS-Trainer und Vater. Er kennt die Lese-Rechtschreib-Schwäche aus dem Unterricht und vom eigenen Küchentisch. Sein Buch »Mama, ich bin DOCH schlau!« macht Eltern Mut.